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Schalala-Lou

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 16. Januar 2012. Ach, so war das! Bevor der Friedrich Nietzsche den Zarathustra geschrieben hat, war er in die Lou Salomé verliebt. Und hat seinen Freund Paul, also Paul Rée, gefragt, ob er die Lou fragt, ob sie ihn heiraten will. Und die Lou hat nein gesagt. Und dann hat die Lou noch mal nein gesagt. Und dann hat der Friedrich Nietzsche, wie gesagt, den Zarathustra geschrieben.

Mit dieser biografischen Grundierung eröffnet Patrick Wengenroth, als Nietzsche verkleidet beziehungsweise bebärtet, seine "Übermensch-Revue für Alle und Keinen". Abgesehen vom Nietzsche-Bart trägt er auch ein T-Shirt mit der Warhol-Banane. Da hätten wir sie auf einem Leib, die Grundthese des Abends: die Geburt des Zarathustra aus dem Kleingeist des abgewiesenen Schwanzes.

Es spricht Wengenrothzsche

Nachdem er einen Udo Jürgens geträllert hat, zieht Wengenrothzsche sich zurück und lässt seinen vier Schauspielern den Vortritt, die sich während der Musikeinlage in Affenkostümen auf die Bühne geturnt haben. Es folgt, siehe da: die Vorrede von "Also sprach Zarathustra", abwechselnd vorgetragen von vier Menschenaffen. Zarathustra, der zehn Jahre lang in völliger Abgeschiedenheit gelebt hat, beschließt, wieder Mensch zu werden und in die Welt zurückzukehren – um seine Mitmenschen "den Übermensch zu lehren", denn: "Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll."

Wengenroth nimmt die Idee, prophetisches Sprechen sei in Zungen sprechen, also wörtlich und lässt Nietzsches Worte auf der Bühne in einem gruppendynamischen Prozess wieder entstehen. Meine Freunde, hebt Zarathustra Nummer eins an, und die drei anderen nicken in fiebriger Zustimmung und freuen sich entrückt grinsend auf ihren nächsten Text.

Vom Affen zum Übermensch

Eine so einfache wie effektive Methode, den "Zarathustra" der pseudo-inspirierten Monotonie zu überführen. Bevor es langweilig wird mit den vier bekifften Deppen, kommt das nächste Lied. Ein Brunft-Medley aus Peter Fox' "Stadtaffen" ("Banananana!") und einem Track von Sido ("Ich will ficken!"), das die Cavemen zur Disziplin ruft. Es gilt, sich auf den Leib zu konzentrieren – schließlich will der Übermensch produziert werden!

Heiko Schäfer

 Patrick Wengenroth, vorn, als Nietzsche-Bart mit seinen vier Cavemen. © Heiko Schäfer

 

Blöd nur, dass gerade kein Weib zur Stelle ist. Also wird weiterphilosophiert. Von den Lehrstühlen der Tugend, von der Selbstüberwindung und von großen Ereignissen.
Aber ach, eigentlich geht es immer nur um Schalalou. Und immer wieder fällt Zarathustras stolzgeschwellte Brust zusammen, wird er zum Emo, der Lieder mit Texten singt wie: "Ich hab noch nie im Leben Berge versetzt, ich tu es jetzt", und dabei mit dem Zeigefinger auf den Knautsch-Berg zielt, der das einzige Bühnenelement darstellt und sich dann auch tatsächlich ein kleines Stückchen bewegt. Die Erlösung währt kurz: sobald er sich an Lous Nein erinnert, wird Nietzschethustra aggressiv und schmeißt den Mikrofonständer um. Mann ist Mann.

Zum Weib nur mit Peitsche

Seine gespaltene Persönlichkeit wird am Ende erlöst von – Überraschung! – Lou herself, als die verkleidet Patrick Wengenroth auf die Bühne schwebt, in der Hand eine rosasilbrig glitzernde Peitsche, mit der sie die vier Männerteile/Teilmänner von der Bühne scheucht. "Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht", diese "kleine Wahrheit" hat Zarathustra von einem "alten Weiblein" gelernt. Dass die Peitsche in dem oft missverstandenen Satz nicht zur Züchtigung des Weibes, sondern des allzu triebgesteuerten Mannes dienen soll, wird dem geneigten Revue-Publikum auf diese Art und Weise deutlich gemacht – da geht Wengenroth ausnahmsweise d'accord mit seinem Objekt der Dekonstruktion. Gerade anhand dieser einigermaßen unreflektierten Adaption wird offensichtlich, dass eine eigentliche Befragung des Texts nicht stattgefunden hat.

Kurz vorher wurde ein Satz des Nietzscheaners Peter Sloterdijk ins Publikum geworfen: "Wir alle werden früher oder später einsehen müssen, dass es kein Menschenrecht auf Nicht-Überforderung gibt." Gut, dass das noch mal gesagt worden ist.

Also sprach Zarathustra
Eine Übermensch-Revue für Alle und Keinen
Von Patrick Wengenroth nach Friedrich Nietzsche
Realisation: Patrick Wengenroth, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musik: Matze Kloppe.
Mit: Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Matze Kloppe, Sebastian Nakajew, Felix Römer, Patrick Wengenroth.

www.schaubuehne.de

 

Kommentare  
#1 Also sprach Zarathustra, Berlin: LachenSischmi 2012-01-17 16:19
Wer hier von unreflektiert spricht, scheint wahrlich die ein oder andere Frage an den Text zu haben.
Nietzsche selbst schreibt im vierten Zarathustra-Teil: "Das Lachen sprach ich heilig, ihr höheren Menschen, lernt mir - lachen."
#2 Also sprach Zarathustra, Berlin: schlimmDT 2012-01-17 19:19
Eine der schlimmsten Inszenierungen die ich je gesehen habe.....
#3 Zarathustra, Berlin: kontrovers ist gutElke Koepping 2012-01-18 01:08
@DT: kann ich nicht nachvollziehen, ist aber vermutlich eine Geschmacksfrage. Man muss die Art Wengenroths mit diesen Texten umzugehen mögen, um mit einem solchen Abend klarzukommen. Vielleicht ist es sogar gut, wenn die Aufführung kontrovers aufgenommen wird. Fand den Schluß ein bisschen unausgegoren, hörte so plötzlich auf. Das mit den größeren Eiern als Ostermeier und dem Theatertreffen ist zwar lustig und steht auch irgendwie in einem größeren Zusammenhang, aber man fragt sich doch, was es an der Stelle zu suchen hat.
#4 Zarathustra, Berlin: Mann Mann MannWer hat den Größeren? 2012-01-19 19:33
Das ist ja wirklich unerträglich! Es geht also um die Eitelkeiten und Kränkungen des männlichen Egos? Es geht also wirklich und wieder mal vor allem darum, wer den größeren Schwanz hat und die Frauen besitzt? Mann Mann Mann, "Da euch das Ewig-Weibliche nie hinanziehn wird, so zieht ihr es zu euch herab." (der olle Nietzsche)
#5 Zarathustra, Berlin: Vergleich mit SaarbrückenNichtberliner 2012-01-19 21:20
Da wird es ja richtig interessant, wie die Saarbrücker Interpretation nächste Woche am Gorki ankommt...schade, dass ich den Vergleich nicht ziehen kann...
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