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Wenn Oma dir einen Schein zusteckt

"Mach von den 5.000 Euro eine schöne Reise, setz Dich an den Strand und denk in Ruhe über deinen nächsten, großen Projektantrag nach", rät die Choreografin Antje Pfundtner den jüngeren Kollegen. Sie selbst arbeitet seit 16 Jahren in Hamburg, reicht unermüdlich Förderanträge ein und wurde sogar zwei Mal mit der Konzeptionsförderung bedacht.

Im Jahr 2017 wurden 929.000 Euro für die Freien Darstellenden Künste veranschlagt, inkl. Kinder- und Jugendtheater, heißt es aus der Pressstelle der Behörde für Kultur und Medien. Darin enthalten ist bereits die Erhöhung um 100.000 Euro, die die Stadt Hamburg in den Jahren 2017 und auch 2018 aufstockte, "um die Wirkungen der Honoraruntergenze zumindest teilweise auszugleichen". Theater zum Mindestlohn.

"Diese Erhöhung von 100.000 ist natürlich nur eine Geste, wie wenn Oma Dir einen Schein zusteckt. Und kann auch nur als solche gesehen werden. Eine wichtige Geste allerdings: die hoffentlich deutlich machen soll, dass da bald mehr kommt", kommentiert Pfundtner. Zu den 929.000 Euro kommen "diverse weitere Gelder, anteilig die Projektförderungen aus dem Bereich Privattheater sowie diverse Förderungen aus dem Referat Kulturprojekte. Die eine feste Summe für die Freie Szene kann man also nicht nennen", äußert sich Enno Isermann, Pressesprecher der Behörde für Kultur und Medien, vage. Geht man von insgesamt grob einer Million Euro aus, so geben zwei andere Summen eine Orientierung: In der Spielzeit 2017/18 wurde das Deutsche Schauspielhaus mit über 26 Millionen Euro, das Thalia Theater mit 22,3 Millionen Euro gefördert.

Seit Januar 2013 gibt es zudem den von der Stadt Hamburg ins Leben gerufenen Elbkulturfonds. Jährlich stehen 500.000 Euro zur Verfügung, auf die sich neben freien Theatermacher*innen etwa auch bildende Künstler*innen und Literaturschaffende bewerben. Die Projekte sollen eine "Strahlkraft für ein Publikum und eine Fachöffentlichkeit über die Stadtgrenzen hinaus entwickeln". Schließlich wird der Elbkulturfonds aus der Kultur- und Tourismustaxe gespeist. Tatsächlich können aus diesem Topf nicht mehr als fünf bis acht Projekte pro Jahr gefördert werden. Eine komplementäre Förderung durch Drittmittel ist möglich, eine Doppelförderung durch einen Fachtitel der Kulturbehörde jedoch nicht und auch keine Förderung aufeinanderfolgender Projekte. Wieder: nur punktuelle, projektbezogene Förderung, wieder: keine Kontinuität.

Es braucht drei Mal so viel Geld

In etwa eine Verdreifachung der Zuwendungen, eine jährliche Mittelerhöhung auf 3.207.500 Euro und eine einmalige Aufwendung von 23.000 Euro, fordert jetzt der Dachverband Freie Darstellende Künste Hamburg e.V. (DfdK), um die Situation der Künstler*innen zu verbessern. Er hat ein Konzeptionspapier erstellt, "einen konkreten Empfehlungskatalog, um dem in jedem Jahr wachsenden, nicht genutzten Potenzial gerecht zu werden und für die freischaffenden Künstler*innen in Hamburg langfristig bessere Arbeitsbedingungen bereitzustellen".

Und ja, das Potenzial wächst. Schließlich unterhält Hamburg zahlreiche in der Theaterbranche angesiedelte Ausbildungsstätten und Studiengänge. Was kann man hier nicht alles werden: Regisseur*in, Dramaturg*in, Schauspieler*in, Sänger*in, Tänzer*in, Bühnen- und Kostümbildner*in, Tontechniker*in, Beleuchter*in, Veranstaltungstechniker*in. Und schließlich wirft der an der Universität Hamburg seit dem Wintersemester 2005/06 angebotene Master-Studiengang Performance Studies jährlich ein gutes Dutzend Absolventen auf den Markt. Doch ein wirkliches Anliegen, diese Menschen in der Stadt zu halten, ist – betrachtet man die überschaubaren Budgets – nicht erkennbar. Und die Anreize, ins nahe gelegene Berlin zu ziehen oder etwa, was die Förderstrukturen angeht, ins gut aufgestellte Nordrhein-Westfalen, sind groß.

Noch vor der Sommerpause wird unter dem bisherigen SPD-Finanzsenator und dem jetzt Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher über den Doppelhaushalt 2019/20 beraten. Der DfdK hofft, in diesen Verhandlungen eine kulturpolitische Diskussion zum Stellenwert der Freien anzuregen. Zur Debatte steht ein verzweigtes Netz von Fördermaßnahmen, das sich an den Produktionsbedürfnissen der Künstler*innen orientiert. Kontinuität ist ein zentrales Stichwort, Gastspiel- und Wiederaufnahmeförderung ein anderes. "Wir wollen keine Kosmetik, sondern eine kulturpolitische Wende", betont Barbara Schmidt-Rohr, Choreografin und stellvertretende Vorsitzende des DfdK und fügt hinzu: "Die Grundversorgung der kleinen Projektträger jenseits der Elbphilharmonie muss aufrechterhalten werden."

Offene Schere

Die 866 Millionen Euro teure Elbphilharmonie zeigt, wie die Freie und Hansestadt Hamburg, die sich gerne als Kultur- und Weltstadt bezeichnet, tickt. Da wird Wert gelegt auf Repräsentationskultur, auf ein John-Neumeier-Ballett von Weltrang, Oper- und Sprechtheaterbühnen mit Tradition und leicht bekömmliche Musicals. Und eben auch auf ein in der Abendsonne herrlich funkelndes Konzerthaus.

Kuzkin Kampnagel 560 uSymbolbild: Während sich Hamburg seine Elbphilharmonie 866 Millionen kosten lässt, ist die Freie Szene chronisch unterfinanziert. Hier zu sehen: Der russische Künstlers Andrey Kuzkin im Februar 2018 mit seinem Projekt "The Phenomenon Of Nature Or 99 Landscapes With Trees" © Kampnagel

"Es gibt in Hamburg nicht wirklich ein Bewusstsein für das Potenzial der freien Szene", so Matthias Schulze-Kraft. Der künstlerische Leiter des Off-Theaters Lichthof weiß, wovon er spricht. Seinen Spielplan bestreitet er über permanente, zermürbende Drittmittelakquise, ohne eigenen Produktionsetat und über die von der Behörde für Kultur und Medien geförderten Produktionen. "Wir stellen eine Infrastruktur bereit, die von einer Volatilität der Jury abhängig ist", fasst Schulze-Kraft zusammen. Dieses Jahr wurden in der Spielstätte Lichthof etwa fünf Projekte weniger als üblich gefördert. In der kommenden Spielzeit hat man dort noch eineinhalb Monate, in denen man nicht weiß, wie man den Spielplan füllt. "Das Widerständige oder das Experimentelle, das Neue, das hat es wirklich schwer in dieser Stadt", bemerkt Schulze-Kraft. Erst 2017 hatte das kleine Theater den Theaterpreis des Bundes erhalten – einen "Ermutigungspreis". Aus heutiger Sicht wirkt das fast zynisch.

Mythos Kampnagel

Für viele ist die freie Szene Hamburgs immer noch und vor allem auf Kampnagel verortet. Dort, wo sie sich Anfang der 1980er Jahre nach einem mehrtägigen Protestfestival die leerstehenden Produktionshallen der ehemaligen Maschinenfabrik "Nagel & Kaemp" erschloss. Dort, wo später Theatermacher wie Nicolas Stemann, Falk Richter, She She Pop, Gintersdorfer/Klaßen und deufert&plischke ihre Karrieren begründeten. Seitdem ist viel passiert und hat sich viel verändert. Auch Kampnagel ist noch eine Spielstätte der freien Szene, doch nur ein Bruchteil der Akteur*innen wird dort sichtbar.

Der Kampnagel-Spielplan umfasst tatsächlich nur wenige lokale Produktionen, mehr (inter)nationale Gastspiele und Koproduktionen. Mittlerweile findet freies Theater in Hamburg an vielen anderen Orten statt, und längst auch außerhalb von Theaterräumen. Noch gibt es die freie Szene. Noch in Hamburg. "Wenn sich jetzt nicht signifikant etwas ändert, dann wird es einen Sog geben, weg von Hamburg", prognostiziert Schulze-Kraft. Der Sog nach Berlin ist eigentlich immer da. Nicht zuletzt wegen der erschwinglicheren Lebensbedingungen in der nahe gelegenen Hauptstadt, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass Hamburg seine Richtlinien für die Vergabe der Fördergelder nicht mehr an eine Residenzpflicht koppelt: "Antragsberechtigt sind professionelle Einzelkünstlerinnen/Einzelkünstler und Gruppen […], die in Hamburg leben und/oder arbeiten". Heißt: Wer in Berlin lebt, kann in Hamburg arbeiten, kann in Hamburg Fördergelder beantragen. Natürlich ist das nur eine Möglichkeit, keine Garantie.

Typische Überlebens-Strategien

Was braucht man, um im traditionell SPD-regierten Hamburg in der freien Szene überleben zu können? "Man muss ein enormes Durchhaltevermögen haben und sich die freie Arbeit leisten können, man braucht noch irgendwie andere Einnahmequellen", meint die Theatermacherin Susanne Reifenrath von Meyer & Kowski. "Ich komme in manchen Jahren besser und in anderen schlechter über die Runden", beschreibt die regelmäßig auf Kampnagel produzierende Choreografin Jenny Beyer ihre Situation und von "wahnsinnig langem Atem" spricht Antje Pfundtner.

Pfundtner gilt als derzeit am besten geförderte Künstlerin der Stadt. Im März 2017 legte sie im Wirtschaftsmagazin "brand eins" ihre Finanzen offen: "Ich arbeite seit 2001 als freie Künstlerin und entwickle meine eigenen Tanzstücke, seit 2012 produziere ich meine Arbeiten mit einem Team. Ich habe Preisgelder bekommen, kriege Fördergeld und verdiene pro Jahr trotzdem nur rund 25.000 Euro vor Steuern. Verglichen mit anderen geht es mir noch gut. Ausbeutung? Die findet in meiner Branche täglich statt. Ich arbeite überwiegend in der freien Szene, da ist im Grunde wenig geregelt. (…) Ohne öffentliche Förderung hast du eigentlich keine Chance. Nur kannst du dich auf Förderung nicht verlassen, und dieser Druck droht dich auszubrennen. Nicht wenige geben ihre künstlerische Selbstständigkeit deshalb auch auf."

Galerie – Theatermacher*innen der Freien Szene in Hamburg:

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