Spion in Spendierhöschen

2. Oktober 2021 - Das ist eine Anmoderation. Das ist eine Anmoderation.  Das ist eine Anmoderation.  Das ist eine Anmoderation.  Das ist eine Anmoderation.  Das ist eine Anmoderation.  Das ist eine Anmoderation.  Das ist eine Anmoderation. 

von Michael Wolf

 

Salzburg, 2. Oktober 2021. Eigentlich ist das ja skandalös, dass es dem Thalia Theater vorbehalten blieb, dieses immerhin schon 1975 entstandene Stück des israelischen Dramatikers Hanoch Levin jetzt erstmals in deutscher Sprache vorzustellen. Und im Grunde auch den Autor selbst. Der ist zwar bei den Nachbarn in Frankreich bestens bekannt (als widerständige Stimme der Kultur in Israel seit Ende der 60er Jahre), hierzulande aber sind die Bühnen-Begegnungen mit Levins Texten extrem selten geblieben. Und "Krum", diese herausfordernde Familien- und Nachbarschafts-Phantasie, die abendfüllend über Abgründen balanciert, hatte bislang nur Krzysztof Warlikowski aus Polen zum Gastspiel nach Deutschland gebracht. Vor ziemlich genau einem Jahr, vor dem zweiten Lockdown in der Pandemie, begann nun der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó im Auftrag des Hamburger Thalia Theaters mit den Proben an einer neuen Übersetzung; und natürlich blieb dann auch diese Arbeit liegen. Jetzt endlich kann das Theater das in vielerlei Hinsicht erstaunliche Stück zeigen.

Hier leben, lieben und verzweifeln alle im Sand und am Strand. Auf dem Halbrund-Horizont des Bühnenraums dahinter plätschern die Wellen irgendeines Meeres. Und über dem Video-Meer ereignen sich immer wieder Sonnenauf- und Sonnenuntergänge. Vollmond und Sterne leuchten, gelegentlich flattern Vögel von Bühnenrand zu Bühnenrand. Ein mächtiger Felsblock beherrscht das Bild – auf den kann das Ensemble klettern, und von dem können einzelne herunter fallen und sich hinunter stürzen: ins Meer; also in den Wassergraben vor dem Horizont. Fast alle bleiben immer anwesend und im Spiel, und der Sandstrand markiert die zwanghafte Gemeinschaft – das ist die zentrale Idee, die das Team um Regisseur Mundruczó und Bühnenbildner Stephane Laimé Levins überaus unordentlichem Text verpasst haben.

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Lauter Mini-Dramen sind hier versammelt; sie durchdringen einander und wechseln sich ab – ein junger Mann, Krum eben, ist gerade von irgendwoher zurückgekommen an diesen gemeinschaftlichen Ort (der am Strand in Israel liegen könnte, in dieser Fassung aber auch in Rio de Janeiro, Neapel oder San Francisco; weltweit in jeder Stadt am Meer). Bei der Ankunft teilt Krum der besorgten Mutter mit, dass ihm draußen in der Welt nichts, aber auch gar nichts gelungen sei. Und so macht er jetzt auch weiter – Krum ist eigentlich gar nicht die Hauptfigur, eher der Katalysator für alles, was um ihn herum geschieht. Er will allerdings beginnen, über diese kleine, aber beispielhaft jämmerliche Menschenwelt zu schreiben.

Dies ist ein Zwischentitel

Zum Beispiel über den Freund Tugati – der sorgte sich absurderweise immer darum, ob das tägliche Quantum Sport besser morgens oder abends absolviert werden sollte. Nun bricht er zusammen beim Versuch, Tennis zu spielen, muss operiert werden und stirbt. Kurz zuvor hatte er wider alle eigene Erwartung noch die ruppig-schöne Dupa geheiratet, die umstandslos vom Toten zum nächsten Lover wechselt. Überhaupt gehen alle Lieben schief: Krum hatte sich auf Truda gefreut, die aber bei seiner Rückkehr längst die Entscheidung für den etwas beschränkten Elektriker Tachtich getroffen hat. Mit dem Ex-Freund Krum fingiert sie noch (sehr ulkig!) virtuellen Sex im Sand: ohne jede Berührung, aber mit schön viel Stöhnen. Die üppige Zwitzi treibt sich derweil mit dem potenten Italiener Bertoldo herum; während Felicia und Dolce als gealtertes Paar (hier mit zwei Frauen besetzt) längst alle Hoffnung auf Gemeinsamkeit aufgeben mussten. Die spektakulärste Figur ist im Grunde (Achtung: sprechender Name!) "Silenti", der tatsächlich fast die ganz Zeit über (bis kurz vor Schluss) stumm bleibt und mit Badehose, Kühlbox und einer Bierdose nach der anderen am Strand und auf dem Felsblock hockt.

Einem Lebensentwurf folgt hier im Grunde niemand; ausgenommen vielleicht Elektriker Tachtich, der ja sehr zufrieden damit sein kann, dass er die tolle Truda abgekriegt hat. All diese kleinen Geschichten aus Liebe, Sehnsucht und Alltag sind durchzogen von enorm viel Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Einmal sitzen alle wie im Kino vor einem Film, und Krums finaler Kommentar lautet: "Schämt Euch dafür, am Leben zu sein." So finster aber Levins Welt auch ist bei genauerem Hinhören und Hinschauen, das Stück selbst schnurrt an der Oberfläche wie eine Komödie – die Katastrophe, die dieses Leben ist, kommt über weite Strecken ziemlich witzig daher. Und das kann nicht nur Mundruczós Inszenierung geschuldet sein. Dieser Zauber der Farben – zwischen ganz dunkel und sehr hell – steckt offenbar im Original.

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Stephane Laimés grandioses Bühnenbild, die Kostüme von Sophie Klenk-Wulff und Mundruczós Spiel-Phantasie treiben Levins Stück voran in eine Art Delirium, ein leicht orgiastisches Spektakel aus (sehr oft sehr nackten) Körpern, Träumen und Geist. Und – das Hamburger Ensemble verdient sich diesen Ehrentitel an diesem Abend – extrem kollektiv wird agiert, Haupt- und Nebenrollen gibt's hier nicht.

Überhaupt hat der Abend über gut zwei pausenlose Stunden hin viel von einer Geisterbeschwörung voller spektakulärer Bilder. Wenn etwa Tugati, der immer voller Todesahnung war, nun tatsächlich gestorben ist, zerrt ihn das Ensemble auf die Spitze des Felsens und stürzt ihn ins Meer; Krum hingegen, der in diesem Moment schwört, Tugatis Tod zum Ausgangspunkt für das eigene Schreiben zu nehmen, fesseln sie danach mit Stricken an den Felsen: Nein, so eine Geschichte wollen sie nicht lesen über sich selber! Als schließlich Krums alte Mutter stirbt, krabbelt er unter den Fesseln hervor, nimmt Abschied – und krabbelt unter die Fesseln zurück. Das ist sein Platz.

Dieser Zwischentitel ist ein weiterer zu viel

Levins Humor ist sehr finster und lässt wenig Hoffnung – "Hoffen auf Erschöpfung" ist die einzige Vision, die die Figuren hier zu bieten haben. Ein kleines Welt-Panorama ist zu bestaunen in diesem ziemlich grandiosen Stück – und wenn die Theater jetzt nicht endlich auch in Deutschland diesen 1943 in Tel Aviv geborenen und 1999 dort auch gestorbenen, berufslebenslang mit dem berühmten Cameri-Theater verbundenen Theater-Poeten zu entdecken beginnen, dann ist eine große Chance verpasst.

Krum
Ein Stück mit zwei Hochzeiten und zwei Begräbnissen
von Hanoch Levin
Übersetzung von Leanne Raday und Frank Weigand
Inszenierung: Kornél Mundruczó, Bühne: Stephane Laimé, Kostüme: Sophie Klenk-Wulf, Komposition und Live-Musik: Daniel Freitag, Video: Rasmus Rienecker, Dramaturgie: Soma Boronkay und Emilia Linda Heinrich.
Mit: Anna Blomeier, Bernd Grawert, Johannes Hegemann, Ole Lagerpusch, Karin Neuhäuser, Barbara Nüsse, Tim Porath, Maja Schöne, Lisa-Maria Sommerfeld, Stefan Stern, Oda Thormeyer.
Deutschsprachige Erstaufführung am 2. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
www.thalia-theater.de

 

Schauspielerauswahl: Schauspieler

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