Abstecher nach ganz unten

3. Oktober 2021. Vorsicht, diese Horrorshow macht schlechte Träume! Mit Karoline und Kasimir (die Umkehrung im Titel ist gewollt) blickt Alize Zandwijk frei nach Ödön von Horváth auf die Unterschicht.

Von Falk Schreiber

Bremen, 2. Oktober 2021. Die Fallstricke des Theaterrealismus: Thomas Rupert hat für Alize Zandwijks Horváth-Bearbeitung "Karoline und Kasimir" einen Rummelplatz ins Bremer Theater am Goetheplatz gebaut. Im Erdgeschoss Pissoirs, ein Kassenhäuschen, eine Schießbude, in den Obergeschossen eine Geisterbahn, "Die Alptraumreise". Und weil Horváth das Münchner Oktoberfest in "Kasimir und Karoline" als Abgrund menschlicher Bösartigkeit zeichnet, hat Rupert das Abgrundhafte noch einmal verstärkt. Die Toiletten sind also so versifft, dass jede Gewerbeaufsicht einschreiten müsste, geschossen wird auf Babypuppen, und für die Geisterbahn wirbt ein Horrorclown von solch grausiger Hässlichkeit, dass auch ein hartgesottener Theaterkritiker schlecht träumt.

Die Menschen sind halt schlecht

Ich tue mich manchmal ein bisschen schwer mit den realistischen Inszenierungen von Alize Zandwijk, für mich hat das bisschen was Voyeuristisches. Bei „Karoline und Kasimir“ am Theater Bremen muss ich allerdings zugeben, dass das ästhetisch funktioniert.

Falk Schreiber

Das Bühnenbild also ist so abschreckend – die Figuren wirken im Vergleich ganz sympathisch. Und ein wenig geht das an Zandwijks Inszenierungskonzept vorbei. Das lässt sich im Grunde in einem Satz zusammenfassen: "Die Menschen sind halt überall schlechte Menschen", seufzt Bürokraft Karoline zu Beginn und bringt damit auf den Punkt, dass sie vom Leben nichts mehr erwartet. Von ihrem Freund, dem just arbeitslos gewordenen Chauffeur Kasimir, hat sie sich entfremdet, und der aufstiegswillige Schürzinger ist nur ein unbefriedigender Ersatz, zumal der sie schnell an die Oberschichtsschnösel Rauch und Speer verschachert. Wobei nicht ganz klar ist, was Rauch und Speer eigentlich in diese runtergekommene Hölle verschlagen hat. Vielleicht sind sie auf Slumming-Tour, also beim Abstecher nach ganz unten, mag sein – wirklich interessiert ist Zandwijk an ihnen jedenfalls nicht, auch wenn die Inszenierung selbst einen leicht sozialvoyeuristischen Slumming-Charakter hat.

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Dafür interessiert sich die Regisseurin umso mehr für die Titelheld*innen. Sie interessiert sich sogar so sehr für sie, dass sie Karoline und Kasimir jeweils dreifach besetzt, um die einzelnen Persönlichkeitsmerkmale der Figuren genauer herauszuarbeiten: einmal mit Manuela Fischer, Mirjam Rast und Maria Tomoiaga, dann mit Emil Borgeest, Rodrigue Kassimo und Patrick Balaraj Yogarajan. Insbesondere bei Kasimir funktioniert das, wenn die drei Schauspieler den Umgang mit dem Thema Arbeitslosigkeit ganz unterschiedlich performen, Kassimo brütend, Borgeest paralysiert, und nur Yogarajan versucht zumindest, auf Karolines unternehmungslustige Gutgelauntheit einzugehen. Bei dieser allerdings konzentriert sich die Inszenierung bald auf eine der drei Darstellerinnen, Mirjam Rast. Fischer und Tomoiaga bilden eine Art Chor, in dem sich ihr Spiel spiegeln kann. Das ist weniger virtuos, weist aber darauf hin, dass Horváths Vorlage es einem nicht leicht macht – Zandwijk kann zwar die Figurenfolge im Titel feministisch motiviert umdrehen, am Ende bleibt Kasimir trotzdem der vielschichtigere Charakter.

Absteiger an der Karriereleiter

Was sich insbesondere in der Verkörperung durch Yogarajan zeigt. Der nämlich fällt plötzlich aus seiner Rolle, will den Verlierer hinter sich lassen und doppelt fürderhin den von Christian Freund gespielten Schürzinger. Sieht aus wie ein sozialer Aufstieg, ändert aber auch nichts an den Verhältnissen: Der Zuschneider mag als halbwegs gut bezahlter Arbeiter nicht mehr ganz unten sein, aber ziemlich weit unten ist er auch, und höher geht es von hier aus definitiv nicht mehr.

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Weiter oben sind nur noch Rauch (Guido Gallmann) und Speer (Ferdinand Lehmann), und auch das sind (tatsächlich im Wortsinn) arme Schweine, die nicht aus ihrer Haut können. "Die Menschen sind halt überall schlechte Menschen."

Mit steifem Hals bestaunt

So schleppt sich die Inszenierung also durch zwei Stunden schlechter Laune – angesichts der allgemeinen Antriebslosigkeit recht zäh, aber in ihrer eigenen Logik durchaus klug gebaut. Wie hier mit Mehrsprachigkeit umgegangen wird, wie gleichzeitig Französisch, Englisch und Deutsch gesprochen und durch die Mehrfachbesetzungen simultan übersetzt wird, ist raffiniert. Das Spiel über die Galerien der Geisterbahn ermöglicht interessante Oben-Unten-Bilder (auch wenn sich bei der extrem in die Höhe gebauten Bühne zumindest in den ersten Reihen bald ein Kinoeffekt in Form eines steifen Halses einstellt). Und die zunehmende Zombifizierung der Figuren ist zumindest aus Horrorperspektive durchaus reizvoll anzusehen. Nur – wozu das alles?

Zandwijk deutet zwar an, dass das Übel der Geschichte nicht allein in den Figuren begründet liegt, sondern in den Verhältnissen, bloß: Dass diese Gestalten etwas am System ändern könnten, glaubt sie selbst nicht. Der einzige, dem man hier ein bisschen Initiative zutrauen würde, der Kleinkriminelle Merkl Franz, ist bei Alexander Swoboda ein brutaler Schläger, der schließlich ziemlich schnöde aus dem Spiel genommen wird. Und seine Freundin Erna (Shirin Eissa) ist so verängstigt, dass sie auch nicht weiterhilft. Anders ausgedrückt: Solch eine Figurenkonstellation ist als pessimistischer Blick auf die unteren Klassen wahrscheinlich realistisch, aber eine Perspektive eröffnet sie nicht. Die Fallstricke des Theaterrealismus.

 

Karoline und Kasimir
nach Ödön von Horváth
Regie: Alize Zandwijk, Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Anne Sophie Domenz, Musik: Maartje Teussink, Licht: Norman Plathe-Narr, Dramaturgie: Stefan Bläske.
Mit: Manuela Fischer, Mirjam Rast, Maria Tomoiaga, Emil Borgeest, Rodrigue Kassimo, Patrick Balaraj Yogarajan, Shirin Lilly Eissa, Alexander Swoboda, Christian Freund, Guido Gallmann, Ferdinand Lehmann.
Premiere am 2. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterbremen.de

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