Medienschau - Badische Neueste Nachrichten – Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen einen leitenden Mitarbeiter des Badischen Staatstheaters Karlsruhe

Schwere Anschuldigungen

Öffentlich wurden die Vorwürfe über einen Instagram-Account, in dem seit dem 30. Juni im Layout einer realen Werbekampagne des Badischen Staatstheaters Statements zum Arbeitsklima an dem Haus veröffentlicht werden, die dem Host des Accounts zufolge von (zum Teil ehemaligen) Mitarbeiter*innen stammen. Der nun beschuldigte leitende Mitarbeiter habe, so die BNN, selbst die Polizei eingeschaltet, weil er mit den Instagram-Anschuldigungen erpresst und zum Rücktritt aufgefordert worden sei. Daraufhin sei der Computer des Hosts des Instagram-Accounts beschlagnahmt worden, gegen die Person werde mit dem Tatvorwurf "versuchte Nötigung, üble Nachrede und Verleumdung" ermittelt. Die Staatsanwaltschaft gehe nun aber auch den Vorwürfen nach, die über den Instagram-Account verbreitet wurden. "Sollte sich ein ausreichender Anfangsverdacht ergeben, müsste auch gegen den Mitarbeiter ermittelt werden, dem mehrfach sexuelle Belästigung vorgeworfen wird."

Der Zeitung gegenüber habe dieser die Vorwürfe bestritten und erklärt, sich keiner Schuld bewusst zu sein. "Doch Screenshots, die den BNN von verschiedenen, der Redaktion namentlich bekannten Zeugen vorliegen, werfen durchaus Fragen auf. In den Chatverläufen ist zu lesen, wie der Theatermitarbeiter über Jahre hinweg mehrere Männer im Alter zwischen 16 und 23 auf Instagram, auf Facebook oder per WhatsApp anschrieb. Er forderte sie immer wieder zu privaten Treffen auf, zu Strip-Poker und anderen Ausziehspielen und dazu, ihm Nacktfotos zu schicken."

 

11. Juli 2020. Intendant Peter Spuhler hat einen leitenden Mitarbeiter, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, mit sofortiger Wirkung freigestellt. Einem Bericht der Badischen Neuesten Nachrichten zufolge haben Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) und Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) dem Personalrat diese Entscheidung am Freitagabend mitgeteilt. Damit signalisiere das Theater, dass man die Vorwürfe ernst nehme, so Mentrup. Eine abschließende Bewertung stehe jedoch noch aus. 

 

14. Juli 2020. In einem Statement äußert sich auch die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheater e.V. kritisch und distanziert sich von Peter Spuhlers Führung des Mehrspartenhauses: "Die innerbetrieblichen Querelen und die ständige Fluktuation der Mitarbeitenden wären hinnehmbar, wenn aus der Sicht des Publikums das künstlerische Angebot geprägt wäre von Kontinuität und Verlässlichkeit. Dem ist leider nicht so." Vier konkrete Punkte werden benannt:

- Szenisch hervorragende Musiktheater-Produktionen wurden unverständlicherweise abgesetzt. Momentan hat das Haus – immerhin ein Staatstheater – keine einzige Wagner-Oper mehr im Repertoire. (...). Andreas Jüttner von den BNN hat nachgerechnet, dass von bislang 55 Musiktheater-Neuproduktionen unter Peter Spuhler nur eine einzige eine zweite Wiederaufnahme erlebt hat: "My fair Lady". Die Bilanz sei ernüchternd (…). Eine nachhaltige Spielplangestaltung sieht anders aus.  Die Ära Spuhler hat hier leider keine Aufbauarbeit geleistet.

- Die mangelnde Kontinuität betrifft auch die Zusammensetzung des Ensembles. (...). Die Gesellschaft der Freunde sorgt sich um eine systematische Ausbildung des Nachwuchses. Viele Stücke müssen daher in den Hauptrollen mit Gästen besetzt werden – das ist an einem Staatstheater mit einem solch großen Ensemble eigentlich unverständlich und kostet.

- Das Corona-Management am Hause ist befremdlich. (…) 

- Die Gesellschaft der Freunde ist mit über 1400 Mitgliedern der größte Kulturförderverein in Karlsruhe und eine der größten Theaterfördergesellschaften der Bundesrepublik. Noch ... Die Rückmeldungen und ein Mitgliederschwund von fast 20%,
den wir in den letzten neun Jahren erlebt haben, zeugen von einer wachsenden Enttäuschung mit der Intendanz Peter Spuhlers. Viele, die eigentlich an einer Mitgliedschaft interessiert wären, äußern uns gegenüber ihren Unmut und geben offen zu, dass sie unter der derzeitigen Intendanz das Staatstheater nicht fördern möchten. Das sind angesichts der anstehenden Sanierungsmaßnahmen und der immensen Kosten, die es der Öffentlichkeit zu vermitteln gilt, alarmierende Zeichen.

Weiter heißt es im Statement der Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheater e.V. : Das Ansehen des Hauses ist beschädigt. Leider stand uns Peter Spuhler in den letzten Jahren nicht für diesbezügliche Gespräche zu Verfügung und es wurde uns keine Möglichkeit gegeben, konstruktive Vorschläge einzubringen. (…) Insofern hofft die Gesellschaft der Freunde auf einen Neuanfang.

(sd / miwo / sik)

 

Seit Ende Juni ehemalige Mitarbeiter*innen des Badischen Staatstheaters gegenüber den BNN harte Kritik am Führungsstil von Generalintendant Peter Spuhler übten, brodelt es in Karlsruhe – wir bilden die Berichterstattung in unserer Presseschau ab.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Karlsruhe: nicht der Gradmesseranonymus v 2020-07-15 11:20
was immer an den vorwürfen gegen die leitung des staatstheaters dran ist oder auch nicht, dem zeugnis der "freunde" sollte man kein großes gewicht beimessen. an fast allen häusern sind die "freunde" vor allem ein an profilierung interessierter hochkonservativer verein, jeglicher veränderung abhold. wie zum beispiel ein theater ensemblepolitik betreibt, das geht die "freunde" einfach nichts an: ob am ende die rechnung stimmt, beurteilt das ministerium. und was das corona-managenment betrifft: wass wissen denn die "freunde" darüber? nein, die "freunde" unseres theaters sind nicht der gradmesser, wirklich nicht.
#2 Karlsruhe: nicht der Gradmesser?Theaterfreund 2020-07-16 09:04
wie zum beispiel ein theater ensemblepolitik betreibt, das geht die "freunde" einfach nichts an

und was das corona-managenment betrifft: wass (sic!) wissen denn die "freunde" darüber?


ja, das ist genau der Ton, der an Spuhlers Theater herrscht, von oben herab, arrogant und böse diffamierend. Danke für diese Stellungnahme, die alles bestätigt, was man befürchtet hat.
#3 Karlsruhe: Theaterfreunde für KontinuitätTristan 2020-07-16 11:42
@ #1

Diese Einschätzung halte ich für grundlegend falsch. Während ein Intendant und sein künstlerisches Team regelmäßig wechseln, stellen die Theaterfreunde eine wichtige Maß an Kontinuität dar.

Oftmals begleiten sie das Theater über Jahrzehnte hinweg, sind dem Theater überaus verbunden und öffnen Türen in die Wirtschaft für Sponsoring. Sie unterstützen außergewöhnliche Projekte nicht nur ideel (Unterbringung von Gästen, Ensembledinners, Hausarzt für Theatermitglieder und vieles mehr), sondern auch finanziell. Es gibt zahlreiche Projekte, die ohne finanzielle Unterstützung der Theaterfreunde nicht hätten realisiert werden können.

Es ist auch recht unwahrscheinlich, dass sie sich in Ensemblepolitik einmischen. Allerdings ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ein Theaterfreund, der z.B. schon die 10. Traviata-Produktion am Haus gesehen hat, ziemlich gut beurteilen kann, ob die Besetzung was taugt oder nicht. Oft sogar besser, als ein Operndirektor, der mehr oder weniger Berufsanfänger oder fachfremd ist.

Mit solchen Äußerungen, lieber Anonymus, wäre ich sehr vorsichtig, denn sie sind ein Schlag ins Gesicht derer, deren Herz für Theater brennt.
#4 Karlsruhe: NeuanfangKortner 2020-07-16 19:58
Ich denke, keiner kann sich hier Kontinuität wünschen. Eine Kontinuität des falschen Führungsstils und des Missbrauchs?
Da der Intendant um Verzeihung gebeten hat, hat er die Berechtigung der Vorwürfe bestätigt. Wie soll hier Besserung geschehen ? Es geht nicht nur. um Stil,sondern obendrein noch um Verletzung der Aufsichtspflicht. Die einzige Lösung dieser Situation, die ich sehe, ist ein Rücktritt des Generalintendanten (beste Lösung) oder die Bitte von geeigneter Stelle darum. Das Haus braucht einen Neuanfang.

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